Philosophie

Auch der Genuss treibt seine Blüten



Essen ist ein Bedürfnis, Genuss ist eine Kunst.François de La Rochefoucauld

GENUSS statt SÄTTIGUNG

Essen ist eine der vegetativen Notwendigkeiten in diesem Leben. Manchmal müssen wir unseren Hunger stillen, und das können wir mit mehr oder weniger Stil tun. Nicht nur, was erlesen und teuer ist, kommt dafür in Frage; je größer der Hunger, desto kleiner werden die Ansprüche.

Manchmal aber fressen wir aus Langeweile, Genussucht oder purer Gefräßigkeit. Es ist schwer, das Maß zu halten, und schon gar, wenn was wir essen delikat ist. Oder einfach gut.

Genuss impliziert für den Genussfaktor auch das Maßhalten: wenn es auch bestimmt nicht möglich ist, dann aufzuhören, wenn es am besten schmeckt, so kann man sich doch bemühen, die Nahrungsaufnahme nicht zu übertreiben. Maßhalten aber vor allem auch in der Auswahl: die meisten Basisprodukte, die der Genussfaktor verarbeitet, sind solche des Alltags. Es müssen nicht Früchte aus einem bestimmten Tal oder Tiere eines bestimmten Züchters sein. Wir enthalten uns auch der sogenannten Molekularküche: probiert, sowohl im Lokal als auch zuhause, aber in den meisten Ausprägungen nicht für wertvoll befunden.

Genuss besteht nicht im Abgehobenen.


SPEISEN statt ESSEN

Der Unterschied zwischen dem Essen und dem Speisen als Tätigkeiten beruht auf dem zwischen Genuss und Appetit. Der kleine Kitzel, der vom Appetit zum Genuss führt, ist der Gusto. Selbst simple Speisen aus wenigen Zutaten gewinnen durch die Konzentration auf die ursprünglichen geschmacklichen Eigenschaften eben dieser Zutaten. Oder ihrer Verschmelzung.

Dem Speisen vorgeordnet ist das Hantieren mit den Produkten: ein Teil des Genusses entsteht schon während der Vorbereitungen, dem Putzen, Zurichten, Schneiden – der Genussfaktor schätzt die meditative Wirkung dieser Tätigkeiten. Sie führen uns näher an die Wahrheit unserer Speisen. Das Kochen wie das Verzehren erfordern Zeitaufwand: ohne Zeit kein Genuss. Damit ist dem Fertigprodukt die Existenzberechtigung entzogen, abgesehen davon, dass die allermeisten Fertigprodukte, je höher der Grad der Verarbeitung desto schlimmer, scheußlich schmecken. Und sie enthalten Stoffe, die in einem anständigen Essen nichts verloren haben.

Gegen die Nutzung mancher Abkürzungen aus dem Convenience-Sortiment, solange es um wenig verarbeitete Rohprodukte geht, hat der Genussfaktor aber nichts – siehe Verbissenheit. Auch dürfen fallweise Konserven und Tiefkühlprodukte zum Einsatz kommen, schließlich haben auch wir vom Genussfaktor nicht immer alle Zeit der Welt und lieben die Möglichkeiten der Spontanität, die sich aus einem gefüllten Vorratsschrank ergeben. Und daselbst werden selbstredend auch die Erzeugnisse des eigenen Gartens mit unterschiedlichen Formen der Haltbarmachung eingelagert.

Diese lange Kette führt zum bevorzugten Erlebnis des Speisens: wissen, aus was wie etwas gemacht ist, gehört untrennbar dazu. Nebst dem guten Gefühl der Belohnung, etwas ordentlich hinbekommen zu haben.


LEIDENSCHAFT statt VERBISSENHEIT

Alles und jedes lässt sich mit Emotion betreiben. Das ist beim Genuss nicht anders. Alles und jedes lässt sich mit Prinzipien betreiben. Auch das ist beim Genuss genauso.

Der Unterschied zwischen Prinzipien haben und eine Ideologie verfolgen liegt in der mäßigenden Verwendung des Verstandes. Für den Genussfaktor bedeutet dies: hier werden sich keine Pseudo-Religionen wie der allseits grassierende Veganismus breit machen. Fleischlose Gerichte sind damit nicht ausgeschlossen, schließlich steht der Genuss alles Essbaren auf dem Programm. Spezielle Bemühungen, tierische Produkte durch andere zu ersetzen, werden hier allerdings nicht unternommen.

Der Genussfaktor enthält sich auch aktueller Moden wie dem One Pot und verschließt sich dem vorübergehenden Siegeszug bestimmter Küchenmaschinen.

Und ganz zuletzt: wir beim Genussfaktor sind zum Glück wie die allermeisten Menschen noch rundum gesund und vertragen alles, daher macht für uns die Vermeidung von Allergenen keinen speziellen Sinn. Eine Diätseite ist der Genussfaktor einstweilen noch nicht, selbst wenn wir ab und an gezwungen sind, zur Korrektur unseres Gewichtsstands weniger auftragende Gerichte zu kochen. Aber auch für die gilt im Anspruch das oben gesagte…


Es gibt nix besseres ois wos guads.Willi 'Ostbahn' Resetarits




Print Friendly, PDF & Email