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Tanti Auguri – der Weihnachtsabend

Der Tag beginnt gleich mit einem Marsch zum Rialto – der Markt ist das pulsierende Zentrum der Stadt. Und reihum haben sich eine Menge wunderbarer Lokale erhalten – oder neu aufgesperrt -, die ganz unprätentiös die täglichen Bedürfnisse der Marktbesucher und -standler bedienen. Was will man mehr…
Direkt am Markt hat das MURO seine Pforten geöffnet – samstags zu mittag gibt es auf dem Platz vor dem Lokal traditionellerweise Fritto Misto di Pesce mit einem Gläschen Prosecco, so auch an einem falschen Samstag wie Heiligabend. Ein Fixpunkt für unsere Venedigweihnachten schon seit Jahren. Aber erst mal ein Gang über den Markt.

Nahe am Markt liegt etwas versteckt das All’Arco, wo man sich zu einem ersten Spritz oder einem frühen Prosecco ein Panino nach Gusto zusammen stellen lassen kann, Crudo mit Carciofini oder Cotto mit Verdura grigliata, wenn man sich auf den zahllosen Tabletts partout nichts findet. Die offenen Weißweine sind immer aus edler Selektion.

Ankunft in Venedig

Und wieder sind wir abgehaut. Das hat schon Tradition, dass wir die Weihnachtsfeiertage nicht daheim verbringen. Und wieder ist es Venedig geworden. Ist ein Rutsch mit dem Auto, wir können auf der Rückfahrt hemmungslos Lebenmittel einkaufen, die hier so nicht so einfach erhältlich sind – angefangen vom Fisch auf dem Rialto-Markt.

Abgestiegen sind wir diesmal erstmalig über airbnb bei Paolo in seinem Appartement in Canareggio. Das hat für unsere Zwecke besser geklappt als jedes Hotel, das wir dort jemals hatten… Wir schätzen es, wenn wir morgens, nachmittags und abends in Ruhe guten Tee trinken können. Und das geht in keinem Hotel. Selbst wenn sie einem eine Gelegenheit zum Wasserkochen zur Verfügung stellen, scheitert es auf jeden Fall an gemütlichen Sitzgelegenheiten. Daher sind wir dazu übergegangen, nach Möglichkeit Appartements zu mieten. Hier waren wir jedenfalls vollauf zufrieden. Danke, Paolo, für die Gastfreundschaft!

Das Appartement liegt an der Ponte delle Guglie, Blick auf einen engen Hinterhof mit Baumbestand. Es sind nur ein paar Schritte ins Ghetto, und damit auch nicht weit von unserer Lieblingsecke, dem Fondamente de le Capuzzine.

Gleich nach der Ankunft und dem Einziehen sind wir losgezogen, ein paar von den Bars aufsuchen, um einen Willkommens-Spritz und ein paar Gläschen Weissen zu uns zu nehmen – nicht zu vergessen, uns durch die zahlreichen Cicchetti zu kosten.

  • Die Cantina aziende agricole von Roberto Berti hält neben einer reichen Auswahl an Weinen aus ganz Italien, aber mit Schwerpunkt auf den Nordosten, verschiedene Polpetti bereit, mit Melanzane, Salsiccia, Carciofini oder Fleisch.
  • Die Enoteca Do Colonne liegt wieder etwas abseits, hat dafür wieder echt Charme und bietet ausgezeichnete Leckereien – und natürlich eine Reihe hervorragender Weine, auch glasweise. Hier gibt es aiuch Tramezzini mit dunklem Brot. Einer der wenigen Bacari mit Homepage.
  • Im Vecia Carbonera, direkt am Trampelpfad, geht es weniger liebevoll, dafür aber trotzdem noch bodenständig zu. Keine besonderen Spezialitäten, was zum Dazuknabbern halt, aber ausgezeichneter Hauswein.
  • Man muss am McDonald’s vorbei, und zwar direkt daneben in die winzige Gasse, um ins Cà d’Oro la Vedova zu kommen, das wahrlich eine Institution in Venedig ist: falls man hier essen wollte, müsste man entweder lang vorher reservieren oder sein Glück versuchen, indem man für hiesige Verhältniss deutlich zu früh zum Abendessen kommt… Für Barsteher gibt es eine kleine, feine Weinauswahl und eine übersichtliche, aber phantastische Palette an cicchetti.
  • Und ein paar Meter weiter stößt man – neben der Osteria all’Ombra, die nicht weiter erwähnenswert ist – auf eine Bar, in der es bisweilen Live Jazz gibt. Trotz Lage direkt am Trampfelpfad gibt es leidlich Leckereien und Weine zu durchschnittlichen Preisen.
  • Gleich weiter rechts in die Salizada S. Canzian zur wunderbaren Bar Un Mondo di vino: ein wahres Paradies für Fans von kleinen gebratenen, gegrillten, gefüllten Tintenfischen! Manchmal mit Live-Musik, immer zum Bersten voll bis auf die Gasse raus.

Da braucht’s dann eigentlich kein Abendessen mehr…

Pizza Taleggio e Prosciutto

Ein Stück mittelreifer Taleggio reicht ja fast allein als Belag – vielleicht noch etwas schwarzer und weißer Sesam, Zwiebelsamen, ein paar Kirschparadeiser, Thymian und – nach dem Backen – hauchdünner Prosciutto di Cremona.

Pizza Taleggio e Prosciutto

Pizza Taleggio e Prosciutto

Ich liebe dünne, knusprige Böden, daher kommt vergleichsweise wenig Germ in den Teig.

  • 10 g Germ
  • 1/16 l Wasser
  • 3 EL Olivenöl
  • 300 g glattes Mehl
  • Prise Salz
  • 2 TL griffiges Mehl zum Bestauben
  • 1 TL Knoblauchöl (oder Olivenöl mit 1 zerdrückten Zehe Knoblauch ansetzen)
  • 150 g Taleggio DOP
  • je 1 EL schwarzer und weißer Sesam
  • 1 TL schwarze Zwiebelsamen
  • 1 TL Thymianblättchen
  • 100 g Kirschparadeiser
  • 70 g hauchdünner Prosciutto

In einer Schüssel die Germ mit wenig Wasser verrühren (am besten lauwarm), dann das Olivenöl einarbeiten. Mehl, das restliche Wasser und etwas Salz beigeben, zu einem groben Teig verkneten.

Anschließend den Teig mit Knethaken in der Schüssel oder manuell auf einer mehlbestäubten Fläche etwa 5 Minuten glatt kneten, zu einer Kugel formen. Mit griffigem Mehl bestäuben, mit einem Tuch bedecken und den Teig eine halbe Stunde im warmen Raum rasten lassen, bis sich sein Volumen verdoppelt hat.

Das Backrohr auf 200 Grad vorheizen.

Den Teig dünn ausrollen auf die Größe des Backblechs, wieder 10 Minuten rasten lassen und dann mit Taleggioscheiben belegen, die halbierten Paradeiser verteilen. Thymian, Sesam und Zwiebelsamen drüber streuen. Den Rand mit etwas Knoblauchöl bestreichen.

Je nach Dicke des Teigs zwischen 5 und 10 Minuten bei 200 Grad backen. Mit frischem Prosciutto belegen, ein paar Blätter Rucola oder ein Löffelchen Pesto können auch nicht schaden. Wir hatten einfach knackigen grünen Salat in seiner simplen Herrlichkeit.

Weihnachten in Venedig

Wir haben uns wieder einmal Feiertage fern von daheim gegönnt, wenn auch nicht gar so weit weg: ein paar Tage Venedig sind aber auch wie Urlaub. Gerade über die Feiertage ist es wohltuend, wie wenig Weihnachten in der Serenissima herrscht, während bei uns alles schon seit Wochen im Jingle-Bells-Takt taumelt…

Abgestiegen sind wir diesmal im DIMORA MARCIANA, einem winzigen Single-Floor-Hotel mit nur 6 Zimmern, die aber für venezianische Verhältnisse durchaus großzügig geschnitten und geschmackvoll historisch ausgestattet sind.

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Ich habe ziemlich günstig über laterooms.com gebucht: direkt über die Feiertage gibt’s Okkasionspreise, die erste Nacht nach unserer Abreise hätte allein mehr als die Hälfte des 4-Tages-Pakets gekostet. Man freut sich. Einzig die Lage war für unsere Zwecke suboptimal – obwohl ja in Venedig es nirgendwohin wirklich weit ist, das Ganze also durchaus zu verschmerzen -, weil mitten im Quartier der Nobelshops an der Salita San Moise gelegen. Dort kann man verdursten und verhungern, aber halt mit Prada, Pal Zileri, Ermengildo Zegna und dergleichen mehr. Wer’s braucht… Wir halten uns damit für gewöhnlich rein gar nicht auf.

Man kann das Hotel getrost empfehlen, einzig das Frühstück in seiner spartanischen Invarianz ist nachgerade dazu angetan, einen mit nüchternen Magen das Weite suchen zu lassen. Man sollte gleich ganz ohne Frühstück buchen, es gibt ja zum Glück in Venedig an allen Ecken – außer eben im Viertel rund um dieses Hotel – ausreichend Gelegenheit, sich zu stärken. Und ein kleiner Frizzante darf bekanntlich im Urlaub auch schon vor dem Zwölfeläuten sein. Man sollte sich jedenfalls nicht unnötig den Magen füllen mit dem unterdurchschnittlichen Zeug, das im Hotel bereitgestellt wird. Es ist nicht allzu weit – über den Campo San Stefano und die Accademia-Brücke – in die Bar alla Toletta, von der Accademia rechts nur einen einzigen kleinen Canale weit weg. Hier wartet eine reichhaltige Auswahl an Tramezzini und anderen mit Delikatessen belegten Brötchen und Weckerln auf das erste Hungerstillen: hervorzuheben das Tramezzino al Cavallo – ja, mit Pferd! Delicato!

Wir sind auch die lange Calle Fuseri bis zum Campo San Luca rauf, um dort im Marchini Time ein paar erste Süßigkeiten zu uns zu nehmen. Irgendwie muss man ja die Zeit bis zum ersten Sprizz oder Frizzante rum bringen.

Wenn nicht grade einer der gottlob nur zwei Feiertage ist, lauert von morgens bis in den frühen Nachmittag der Mercato Rialto mit seinen Genüssen: direkt am Gemüsemarkt liegt die Bar Muro, eines von drei Lokalen, die allesamt besuchenswert (Ristorante Muro San Stae eher sehr gehoben, Ristorante/Pizzeria Muro Frari etwas profaner) sind. Am Rialto betreibt man eine unprätentiöse Marktbar mit einem reichen Sortiment zu mehr als vernünftigen Preisen; samstags – oder eben am 24. Dezember, der ja quasi eine Art von Samstag ist – gibt’s auf dem Platz davor, der interessanterweise Campo Cesare Battisti già della Bella Vienna heißt, Fritto misto mit Polenta und einem Gläschen Chardonnay um wohlfeile pauschale 10 Euro. Wirklich deliziös.

Da bleibt einem dann fast nichts anderes übrig, als eine größere Verdauungsrunde zu drehen – notwendig wär’s ja nicht, weil nicht allzu weit entfernt in einer Parallelgasse zur breiten Ruga Vecchia San Giovanni (man kann’s durch eine Quergasse gut sehen) das All’Arco liegt, seit Jahren konstant eine der besten Cichetterias in Venedig – zum Glück gleich ums Eck vom Rialto, sodass man auf vielen Wegen irgendwie immer wieder mal daran vorbei kommt. Die Auswahl reicht von einfachen Salumes und Formaggi bis hin zu allerhand Innereien, Zunge und Meeresfrüchten, clever dekoriert – und mit eineinhalb Euro pro Stück auf jeden Fall eine Mezzie. Und die Eigentümer sind redlich bemüht, auch Fremden ihre Spezialitäten ans Herz zu legen. Die Qual der Wahl hat man auch mit den zahlreichen offenen Weinen, nichts überkandideltes, aber sehr gute Tropfen dabei. Hier sollte man wirklich auf den Sprizz verzichten und sich ein Schlückchen was Echtes gönnen.

Gleich ums Eck liegt das einstmals überregional berühmte Do Mori, das aber leider trotz üppigen Dekors inzwischen so abgestunken ist, dass man es besser meidet: geschmalzene Preise, lausiger Service, cichetti von zweifelhafter Qualität. Man scheint sich für das lukrative Ausnehmen von Touristen entschieden zu haben, die Reiseführer schicken ja gnadenlos alle vorbei. Wer sich nicht durch den Haufen Einheimischer zu zwängen traut, die mit Tellerchen und Gläsern in Händen vorm All’Arco stehen, ist selber schuld.

Noch ein paar Schritte weiter auf der Ruga Vecchia San Giovanni gibt’s die meines Erachtens einzige Pizzaschnitten-Station in Venedig, deren Produkte man auch essen kann: auf dünnem knusprigem Teig habe ich da einen Belag aus Radicchio, Frischkäse und Salsiccia bekommen, die zusammen auch einer ausgewachsenen Pizzeria alle Ehre gemacht hätten.

Eine wirklich ergiebige Gegend, gut abseits von allen Trampelpfaden gelegen, ist in der Nähe des neuen Ghettos am Fondamente Ormesini. Hier finden sich gleich 3 empfehlenswerte Lokale quasi in Speisenfolge beieinander:

Fondamente Orsini

Lokale am Fondamente Ormesini

Die Wartezeit bis zum Abendessen lässt sich im Al Timon (roter Punkt) bei ein paar Ciccetti und etwas Wein ganz gut verbringen: die Brötchen erinnern frappant an baskische Pinxtos, mit Zahnstochern auf kleine Weißbrotscheiben gespießte Köstlichkeiten. Hier ist aber alles authentisch italienisch. Baccalà (Stockfisch) traditionell venezianisch mit Butter, aber auch in scharfer Variante, dazu geräucherter Käse – mit Brombeeren! -, Salume und Prosciutti. Die Auswahl an Weinen ist lokal zugeschnitten, geht aber natürlich bis in die Colli Orientali del Friuli hinauf. Was wollte man noch mehr!

Danach zum eigentlichen Essen in die Trattoria Antica Mola (blauer Punkt) ein paar Schritte weiter Richtung Ghetto. Hier müssen jedesmal, wenn wir in Venedig sind, zumindest einmal die Sarde in Saor sein, auch die Zuppa di Vongole (die Rezepte bei Giallo Zafferano sind sehr brauchbar). Man kocht schnörkellos venezianisch, der Schwerpunkt liegt natürlich auf Meeresfrüchten und Fisch, aber es gibt auch Ente und Leber. Für einen halben Hummer auf leise knoblauchifizierten Bavetti al pomodori haben wir 16 Euro verrechnet bekommen – steht auch so auf der Kreidetafel. Bemerkenswert ist das Sortiment an Nachspeisen: saisonal bedingt natürlich Panettone con Zabaione oder (nicht so mein Fall) Dolci di natale, aber eine Torta di limone oder einfach frisches Obst.

Und zum Abschluss kann man in der Birreria Zanon (grüner Punkt) eine flüssige Geschmackskorrektur vornehmen – auf dem Heimweg lauert ja dann noch Il Santo Bevitore (magenta Punkt) für den einen oder anderen Absacker. Beim nächsten Mal werde ich sicher ein Hotel eher in der Nähe dort suchen, der Marsch nach Haus in die Nobelgegend war ziemlich lähmend.

Und ein nächstes Mal wird’s sicher geben, das haben wir schon im Vaporetto auf der Fahrt zum Flughafen beschlossen; vielleicht nicht gleich 2014, aber im Jahr danach bestimmt. Und vermutlich wieder zu Weihnachten. Es war nämlich herrlich entspannt – wie erwartet.

Nachschlag

Im Gassengewirr zwischen Rialto und San Marco, aber gleich beim Campiello San Bartolomeo im Durchgang Richtung San Marco, liegt direkt an einem der weniger frequentierten Pfade die Gelatoteca SuSo. Hier haben wir ein phänomenales Pistazien-Nougat-Eis mit Meersalz entdeckt – aber auch die dunkle Schokolade kann was.

Hoteltip Venedig: Malibran

Gleich neben dem Teatro Malibran: das gute Mittelklasse-Hotel Malibran liegt nahe am touristischen Trampfelpfad vom Bahnhof zum Rialto, doch hinreichend weit weg, um tagsüber wie nachts ausreichend Ruhe zu gewährleisten. Über Hofer-Reisen war’s diesmal nachgerade billig.

Die Zimmer sind – bis auf eins je Etage, das eine hat keinen direkten Zugang zu einem Bad, da geht’s über den Gang – komfortabel ausgestattet und für venezianische Verhältnisse riesig:

Das hoteleigene Restaurant ist mittelprächtig, auf jeden Fall eine Spur zu teuer für das Gebotene. Gleich nebenan weiter bietet die Osteria il milion hervorragende Küche, wenn auch nicht eben billiger als im Malibran. Vor allem steht eine Artischockensuppe auf der seit langem unveränderten Karte, an der man keinesfalls vorbeigehen sollte.

Osteria il Milion – Venezia

Ein Lokal, das wir bei jedem Aufenthalt in Venedig gerne wieder beehren, ist das il Milion gleich beim Teatro Malibran. Das Lokal wird trotz seiner Nähe zum touristischen Trampelpfad vom Bahnhof zum Rialto hauptsächlich von Italienern frequentiert, aber auch internationale Kundschaft, die an gutem Essen interessiert ist, nimmt gerne Platz.

Die Karte ist seit Jahren unverändert, wenn es auch Tageesgerichte und manche saisonalen Angebote gibt. Wir haben uns in die Zuppa di carciofi verliebt: zu dieser cremige Artischockensuppe mit hauchdünnem Parmesanhäubchen hätt’ ich gerne das Rezept. Sie ist lindgrün und schmeckt phantastisch nach frischen Artischocken!

Aber auch das Carpaccio di pesce spada, hauchdünn geschnittener roher Schwertfisch mit frischem Pfeffer und dunkelgrünem Olivenöl, ist jede Sünde wert. Auch das hauseigene Rezept zu Sarde in saor ist köstlich. Bis zu den Hauptspeisen kommen wir da erst gar nicht, man will ja schließlich mehr als einmal am Tag einkehren, wenn es draußen nicht eben warm ist wie im Dezember.

Oder eben die Torta caprese al cioccolato e mandorle

Zu finden am Campo San Giovanni Grisostomo

Trattoria all’Antica Mola – Venezia

Sie steht inzwischen in jedem Reiseführer, aber eben auch nach wie vor im Slow Food Guide Osterie d’Italia, was für konstante Qualität unbeindruckt vom Touristenstrom bürgt.

Nach wie vor stehen an der Theke der Trattoria all’Antica Mola die Menschen aus der Nachbarschaft auf eine ombra und tratschen mit dem alten Eigentümer oder scherzen mit der jungen Chinesin, die seit einigen Jahr hier das Service betreut. Familien feiern gerne hier mit einem ausgelassenen Weihnachtsdinner, man zelebriert ein mehrgängiges Mittagessen, ehe man weiter seiner Wege geht.

Nichts ist hier hektisch, man spürt förmlich, wie man auch noch im Vergleich zur ohnehin langsamen venezianischen Zeitempfindung gebremst wird.

Die Küche ist unprätentiös, bodenständig – man müsste sagen lagunenständig: es gibt Meeresfrüchte und Fisch, allem voran die unvergleichlichen Sarde in saor:

Darüber hinaus: herrliche Vongole in Weißwein, wie sich’s gehört mit frischer Petersilie und viel Knoblauch zubereitet, eine himmlische Zabaione mit flaumiger Panetone zum Abschluss. So kann man sich sogar Weihnachten gefallen lassen.

Zu finden ist sie abseits der Touristenpfade an der ruhigen Fondamenta degli Ormesini im Viertel Santa Lucia.

Besser. Einfach.

Wer sich in Venedig aufzuhalten gedenkt, wird gemeinhin davor gewarnt, dass die kulinarische Szene der Lagunenstadt in erster Linie geprägt wäre vom Touristennepp und astronomischen Kosten bei überschaubarer bis geringster Qualität, vorgetragen mit halbseidenem Schmäh. Und selbst wo man ordentlich essen könne, brenne man – im Sinne einer monetären Gästerasur.

Gut: das mag alles vorkommen, und nicht einmal selten, schließlich ist Venedig der Hotspot der touristischen Umtriebe Italiens – und so manches andere Land tut sich schwer, einen ähnlich hohen Grad an Kommerzialisierung und Frechheit überhaupt zu erreichen. Doch es ist auch eine Stadt mit kulinarischem Flair, mit bodenständiger Küche zu weniger als gutbürgerlichen Preisen. Es ist wie meistens auf dieser Welt eine Frage des gewußt wo.

Was also wäre naheliegender, als sich einem Führer anzuvertrauen. Doch die Erfahrung sagt, dass die Lokale, die in herkömmlichen Reiseführern genannt werden, ihren Eintrag in den wenigsten Fällen ihrer Qualität und Preiswürdigkeit verdanken, geschweige denn ihren kulinatischen Leistungen oder ihrer Authentizität.

Zum Glück bieten sich spezielle Cicerones an:

Machen wir den Anfang mit dem titelgemäß vielversprechenden Band Venedig genießen – 200 authentische Rezepte und Lokaltipps von Gerd Wolfgang Sievers, das überwiegend aus Rezepten besteht und nur einen sehr knappen Anhang mit den versprochenen Lokaltipps enthält. Unter diesen finden sich jedoch viele Lokalitäten, die entweder in der Serenissima notorisch sind wie Harrys Bar oder aber in jedem durchschnittlichen Reiseführer Aufnahme finden.

Als Kochbuch gut zu gebrauchen, ebenso zur Vorabinformation, was denn in Venedig abgesehen von Pizza und Pasta asciuta so auf den Teller kommt, sehr zu empfehlen. Als kulinarischer Wegbegleiter durch die feindliche Lokalszene aber von nur geringem Mehrwert gegenüber dem Reiseführer. Der wesentliche Gewinn besteht vielleicht noch darin, sich auf eine Küche mit viel Fisch und Meeresfrüchten einzustellen.

Von ganz anderem Kaliber ist da schon das unscheinbare Büchlein Besser. Einfach. des Wiener Autors Günter Schatzdorfer, der sich gerne mit dem Schauspieler Wolfgang Böck auf Entdeckungsreise begibt.

Seinem Untertitel gemäß versprechen die beiden Genussmenschen Eine kulinarisch-kulturelle Reise durch die Lagunen nach Venedig – und das halten sie auch. Der unangestrengte Plauderton trägt allerhand Wissenswertes und schlicht Interessantes vor, die ausgeprägte Liebe der beiden zu Speis’ und Trank führt denn auch in eine Vielzahl von Lokalitäten – auch wenn sie nicht lexikalisch gelistet und mit korrekten Adressen aufgeführt sind. Ein Reisehandbuch für Faule ist es nicht, eher ein ungewichtiger Schmöker, der so manches verrät, unter anderem eine Menge von einfachen Lokalen, in denen man zu geradezu lächerlichen Preisen hervorragend zu essen bekommt – und das nicht nur im venezianischen Hochpreiskontext.

Schatzdorfer und Böck entführen in Osterie, die mittags von Arbeitern oder Studenten frequentiert werden und nur ein oder zwei Gerichte anbieten, die dafür konkurrenzlos gut und billig, aber auch zu Wirtsleuren, die alte Traditionen und die mikrolokale Verankerung in ihren Vierteln noch pflegen, sich im besten Fall um eine einheimischenschonende Integration ihrer internationalen Gäste bemühen. Man lernt hier Gegenden kennen und schätzen, in denen einen der normale touristische Trampelpfad nicht führen würde, die dafür umso ehrlicher venezianisch sind. Es lohnt sich, das Buch mit Notizblock und Stadtplan bei der Hand zu lesen…

Als besonderes Goodie ist die kurze Venezianische Weinkunde anzusehen, die sich während meiner letzten beiden Aufenthalte ernstlich bewährt hat.

Ein Buch, auf das man bei Reisen zu unseren südlichen Nachbarn unter keinen Umständen verzichten sollte, ist der Slot Food-Führer Osterie d’Italia, momentan in der Ausgabe 2010/11:

Venedig sind in diesem voluminösen Verzeichnis preiswerter Gaststätten mit herausragender Küche nur einige wenige Einträge gewidmet, aber das reicht immerhin, um ein paar kulinarisch ertragreiche Tage zu beiden Seiten des Canale Grande zu verbringen.

Erkenntnis aus dieser Vor-Lese: es gibt erstens brauchbare Bücher zum Thema Kulinarik in Venedig und zweitens gute Chancen, beim Schlemmen keineswegs bankrott zu gehen, getreu dem Motto: Besser. Einfach. Ein ehrlicher Dank gebührt dafür Günter Schatzdorfer und Wolfgang Böck.